Ja. Ja, ich weiß.
Rosedale schreibt einen Blogpost, und natürlich wird kurz danach die ganze SL blogosphäre in Flammen stehen. Die Fanjungs werden darüber abgehen, wie toll alles jetzt sein wird1 , die Pseudoanalytiker werden darauf hinweisen (und sich unvermeidbar irren), wie dies und das zu diesem und jenem führt und die Kritiker werden darauf hinweisen, wie er die gleichen Sachen sagt, die er (und Kingdon, und andere) bisher wieder und wieder und wieder gesagt haben (“schneller, leichter und spaßiger”; “den Markt verbessern und wachsen lassen”; “Pläne offen diskutieren”) während sie wahrscheinlich genau das Gegenteil tun werden. Ich denke, nicht nur Linden Labs’ Postings sind vorhersehbar, sonder auch die Antworten der Gemeinschaft. Und ich hasse es, eine weitere Stimme im Chor zu sein, besonders da mein Fokus auf OpenSim liegt, aber es gibt etwas, das mir merkwürdig erscheint.
Es ist die Wortwahl. Als Kingdon Geschäftsführer war, habe ich einen enormen Anstieg an “Marktsprech” bemerkt, als jeder nur noch Vermarktungs-Schlagworte verwendete und so tat als würden sie was bedeuten, oder als ob man etwas besser macht, indem man es anders nennt. Und es ist nicht so, dass LL das nicht schon vorher getan hätte, aber ich bin sicher, dass ich vor Kingdon noch nie den Ausdruck “geteilte Erfahrung” gehört hatte. Außerdem hat die Verwendung des Wortes “Inhalt” alle anderen Synonyme für in-world-Kreationen verdrängt. Ich bin überrascht, dass Rosedale diese Sprache beibehalten hat; nicht, weil ich glaube das dies weit von seiner Denkweise entfernt ist, sondern weil ich dachte, dass es “Erfindungen” seines Nachfolgers, und nun Vorgängers waren, und ich zumindest hoffte, dass er seine “eigene” Stimme hätte.
Ich mache Sachen. Ich mache Animationen, Tragbares, Objekte, Terrains; ich schreibe Geschichten, Artikel, Gedichte und Lieder; ich spiele Musik. Ich hasse es, dafür das Wort “Kunst” zu verwenden, weil es zu oft von zu vielen Leuten verwendet wird, deren Schöpfungen nichts besonderes sind, und weil ich auch glaube, dass es keine “Kunst” ist, was ich mache (was “Kunst” auch immer sein mag). Es war einfacher als ich nur Musik gemacht habe; Ich konnte mich dann Musiker nennen und jeder wusste, was es bedeutet. Jetzt kämpfe ich damit, die richtige Bezeichnung zu finden, aber ein Wort wie “Inhalt” dafür zu verwenden erwischt mich auf dem falschen Fuß. “Inhalt” ist ein Wort, welches ausschließlich die Perspektive des “Verlegers” zeigt.2 Für diese ist das, was wir machen, einfach Inhalt, der ihre Regale füllt, ob sie nun virtuell oder real sind. Sie schätzen es nicht für das, was es ist, sondern nur für das, was es für sie ist: Füllung ihrer ansonsten leeren Dienste; ein Goldesel zum Melken. Aber das ist nicht, wie ich mich selbst sehe, es ist auf keinen Fall, was ich sein möchte, und ich bin sehr überrascht, wie die Bezeichnung “Inhaltsschöpfer” Fuß gefasst hat und von den “Inhaltsschöpfern” selbst, für sie selbst, verwendet wird.
Ich bin nicht nur wegen der Bezeichnung überrascht, sonder auch aufgrund der Tatsache, dass viele Schöpfer nicht zu merken scheinen, dass bei einem Handel, in dem sie von einem Verleger für ihren “Inhalt” abhängig sind, immer den Kürzeren ziehen werden. Schöpfer, Schriftsteller, Künstler, Musiker, sogar Programmierer, sind immer von den Leuten, die ihre Schöpfungen und Fähigkeiten vermarktet haben, über den Tisch gezogen worden. Das ist nicht neu. Und es ist auch nicht so, dass wir noch von ihnen abhängig wären. Ich meine, diese Seite hier zu erstellen hat etwa 10 Minuten gedauert, in denen ich WordPress installiert habe, und kostet mich etwa 8 € pro Monat. Und ich versuche noch nichtmal, Geld zu verdienen.
Ich mache Sachen für Leute; nicht nur für Konsumenten, sondern auch für Mitschaffende, die vielleicht eine Inspiration daraus gewinnen (so wie ich Inspirationen von sehr vielen anderen gewonnen habe) oder ihre eigenen Dinge darauf aufbauend erschaffen können. Ich mache Dinge für jeden, der sie mag, und Spaß daran hat, sie zu verwenden. Ich mache Dinge, um einen Beitrag zur freien Zukunft des 3D-Netzes zu leisten. Ich mache keine Dinge für Linden Labs, oder für jeden anderen, der damit Geld verdient, sie zu verbreiten und sie als Anreiz für ihre ansonsten leeren Dienste vorzuhalten.
So sehr ich das Wort “Inhalt” meide, so sehr bin ich vorsichtig mit dem Wort “Erfahrung”. Ich bin mir noch nicht sicher, was Linden Labs meint, wenn sie es verwenden; ich bin mir nur sicher, dass sie nicht dasselbe meinen wie ich, wenn ich es verwende. Offenbar haben “geteilte Erfahrungen” nicht mit Teilen zu tun, oder damit, irgendwas zu erfahren. Es bedeutet wahrscheinlich nur, dass da andere Leute sind, und man mit ihnen in Kontakt treten kann. Man teilt nichts, in dem Sinn, dass man etwas, was man hat (oder einen Teil davon), jemand anderem gibt, und man teilt sicherlich nichts mit Linden Labs (außer Geld, aber das ist eher einseitig).3 Indem man das Wort “Erfahrung” für alles, was in Second Life passiert, verwendet, übertreibt man so sehr wie es untertrieben ist, Ihre Schöpfungen als “Inhalt” zu bezeichnen, und ich glaube, da gibt es einen Zusammenhang. Denn die “Erfahrung” hängt mit dem zusammen, was Linden Labs macht, sie ist ein Resultat ihrer Dienste. Doch einfach nur fähig zu sein, sich innerhalb einer 3D-Umgebung zu bewegen und anderer Leute Avatare zu sehen und mit ihnen zu chatten ist, so aufregend es auch sein mag, keine Erfahrung.
Erfahrungen haben einen Wert, und sie geben diesen Wert weiter. Einen großen Wert. Sie machen uns schließlich erfahrener. Eine neue Sprache zu lernen ist eine Erfahrung, oder ein gutes Buch zu lesen. Und auch wenn es möglich ist, Erfahrungen durch etwas, das in Second Life angeboten ist, zu gewinnen, so ist es doch ebenso übertrieben, den gesamten Dienst eine Erfahrung zu nennen, wie es übertrieben wäre, zu sagen, Leinwand und Pinsel seien Kunst.
Ich bin nicht wichtig in Second Life, und meine Worte haben sicherlich dort kein Gewicht, aber wenn ich Linden Labs, oder Rosedale wäre, würde ich von dem hohen Ross absteigen, auf dem ich sitze, bevor ich runterfalle. Denn es ist nicht der Anbieter, der mächtig und wertvoll ist. Wir sind es. Die Kunden, die Schöpfer, die Nutzer. Wir sind gehalten. Wir sind erfahren. Wir verleihen ihnen Wert.
Wir können das auch wieder wegnehmen. Seien Sie nett zu uns.
- Ohje, sie machen’s ja schon. Ich sollte wirklich aufhören, Blogkommentare zu lesen. [↩]
- Ich verwende Verleger in einem sehr weiten Sinn. Jeder, der Geld damit verdient, indem er die Schöpfungen von anderen zu den Konsumenten bringt, ist ein Verleger, was Musiklabels in den gleichen Topf wie Buchhändler, und auch Linden Labs wirft. [↩]
- Wann war das letzte Mal, dass Sie tatsächlich mit einen Linden eine Erfahrung geteilt haben? Ja, genau… [↩]










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